Warum Bremsassistenten ein Gewinn für die Sicherheit sind, weshalb die richtige Kompensation entscheidend ist und wie wir bei climBe mit dem GU-Check neue Orientierung schaffen wollen.
Gewichtsunterschiede gehören zum Kletteralltag. Mal sichert eine leichtere Person eine deutlich schwerere, mal ist es umgekehrt. Dass das Auswirkungen auf das Sturzverhalten hat, wissen die meisten Kletternden. Doch welche Konsequenzen ziehen wir daraus?
Bremsassistenten haben das Sichern mit Gewichtsunterschieden in den vergangenen Jahren deutlich sicherer gemacht. Sie können verhindern, dass eine leichte sichernde Person beim Sturz stark nach oben gerissen wird, und so das Risiko von Kollisionen und Bodenstürzen reduzieren. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Bremsassistenten, die für verschiedene Gewichtskonstellationen geeignet sind und sich in ihrer Kompensationswirkung unterscheiden. Diese Vielfalt eröffnet neue Möglichkeiten, macht es für Seilschaften aber auch schwieriger, das passende Gerät auszuwählen. Denn nicht maximale, sondern die zur jeweiligen Gewichtskonstellation passende Bremswirkung ist entscheidend.
Bei climBe beschäftigen wir uns seit vielen Jahren intensiv mit diesen Zusammenhängen. In unserer eigenen Kletterpraxis sowie in unseren Sturz- und Sicherungstrainings untersuchen wir, wie sich unterschiedliche Gewichtskonstellationen und Bremsassistenten auf das Sturzverhalten auswirken und wie sich auch mit hoher Bremsunterstützung weich und dynamisch sichern lässt.
Aus diesen Erfahrungen ist die Idee für unseren GU-Check entstanden: ein Konzept, das Seilschaften dabei helfen soll, Gewichtsunterschiede systematisch zu berücksichtigen – von der Zusammenstellung des Teams über die Geräteauswahl bis zum gemeinsamen Klettern.
Wie wichtig ein bewusster Umgang mit Sturzrisiken ist, zeigt die Kletterhallen-Unfallstatistik des Deutschen Alpenvereins (DAV).
Für 2025 wurden insgesamt 341 Unfälle in künstlichen Kletteranlagen in Deutschland und Österreich gemeldet. 252 davon erfüllten die Kriterien für die detaillierte Auswertung. 68 dieser Unfälle ereigneten sich beim Seilklettern.
Bodenstürze und Anprallverletzungen an der Wand gehören zu den relevanten Unfallmustern. Auch Kollisionen zwischen kletternder und sichernder Person werden dokumentiert.
Ein Beispiel aus der Statistik: Bei einem Sturztraining kollidierte eine 80 Kilogramm schwere kletternde Person mit ihrer 69 Kilogramm schweren Sicherungsperson. Die Folge waren ein Schlüsselbeinbruch und Bandverletzungen an der Schulter. Ein Bremsassistent wurde nicht verwendet. Als Unfallursache wurde auch unklare Kommunikation benannt.
Die Statistik macht deutlich, welche Folgen ungünstige Sturzverläufe haben können. Sie zeigt allerdings nicht, welcher Anteil der Unfälle unmittelbar auf Gewichtsunterschiede zurückzuführen ist.
Beim Klettern mit Gewichtsunterschieden betrachten wir vor allem zwei Risiken.
Sichert eine leichte Person eine deutlich schwerere, kann sie bei einem Sturz stark nach oben gezogen werden. Dadurch verlängert sich unter Umständen die Sturzstrecke. Besonders in Bodennähe können Kollisionen oder Bodenstürze die Folge sein.
Bremsassistenten setzen genau hier an: Sie erhöhen die Seilreibung und reduzieren damit den Zug auf die sichernde Person.
Allerdings wirken die Geräte unterschiedlich stark. Ist die Bremsunterstützung für die jeweilige Gewichtskonstellation zu gering, bleibt ein Teil des ursprünglichen Risikos bestehen.
Das umgekehrte Gewichtsverhältnis bringt eine andere Herausforderung mit sich: Sichert eine schwere Person eine deutlich leichtere, wird die sichernde Person beim Sturz wenig oder gar nicht nach oben gezogen. Ohne ausreichende dynamische Sicherung kann der Fangstoß entsprechend hart ausfallen.
Ein ähnliches Problem kann entstehen, wenn eine leichte Person eine schwere mit einem sehr stark wirkenden Bremsassistenten sichert.
Der Bremsassistent verändert zwar nicht das tatsächliche Gewichtsverhältnis, wohl aber die Bremswirkung. Bei ungünstigem Sicherungsverhalten kann das zu einem harten Fangstoß und einem Anprall an der Wand beitragen.
Damit wird deutlich: Nicht nur zu wenig, auch zu viel Bremswirkung kann problematisch sein.
Aus den beiden beschriebenen Unfallrisiken leitet sich ein zentrales Prinzip unseres GU-Checks ab: Ein Bremsassistent sollte so viel Gewicht kompensieren wie nötig, aber nicht mehr als sinnvoll.
Ist die Kompensationswirkung zu gering, bleibt ein erhöhtes Risiko für Kollisionen und Bodenstürze bestehen. Kompensiert der Bremsassistent hingegen zu stark, kann sich das Risiko in die andere Richtung verschieben: Die sichernde Person wird beim Sturz kaum noch nach oben gezogen, der Fangstoß kann härter ausfallen und die Gefahr von Anprallverletzungen an der Wand steigt.
Unser Ziel ist deshalb, beide Risiken möglichst weit zu reduzieren. Dafür schlagen wir einen Zielkorridor von 0 bis 5 Kilogramm verbleibender Gewichtsdifferenz vor. Die kletternde Person bleibt dabei rechnerisch etwas schwerer als die sichernde Person. So soll einerseits ausreichend Bremsunterstützung vorhanden sein, um Kollisionen und Bodenstürzen entgegenzuwirken. Andererseits möchten wir vermeiden, dass eine zu starke Bremswirkung das dynamische Sichern unnötig erschwert und damit harte Fangstöße begünstigt.
Ab einer Gewichtsdifferenz von mehr als fünf Kilogramm sollte aus unserer Sicht deshalb bewusst geprüft werden, welche zusätzliche Maßnahme sinnvoll ist. Das kann beispielsweise der Einsatz eines geeigneten Bremsassistenten sein.
Wichtig ist allerdings: Unser Zielkorridor ist ein Orientierungswert, keine allgemeingültige Sicherheitsgrenze. Die tatsächliche Wirkung eines Bremsassistenten hängt unter anderem vom Gerät, dem Seildurchmesser, der Seilreibung und dem Sicherungsverhalten ab. Auch innerhalb des Zielkorridors bleibt dynamisches Sichern entscheidend.
Wie lässt sich unser Zielkorridor von 0 bis 5 Kilogramm in der Praxis erreichen? Theoretisch ist die Rechnung einfach: Ist die kletternde Person beispielsweise 20 Kilogramm schwerer als die sichernde, wäre ein Bremsassistent mit einer Kompensationswirkung von etwa 15 bis 20 Kilogramm ein möglicher Ausgangspunkt für die Geräteauswahl.
In der Praxis ist es allerdings deutlich schwieriger, die Kompensationswirkung eines Bremsassistenten zuverlässig zu bestimmen. Bislang fehlt ein einheitliches, allgemein anerkanntes Prüfverfahren, mit dem sich die Kompensationswerte verschiedener Geräte unmittelbar vergleichen lassen. Auch die Frage, ob statische oder dynamische Messungen die tatsächliche Wirkung beim Klettern besser abbilden, ist noch nicht abschließend geklärt.
Hinzu kommen methodische Herausforderungen: Bei dynamischen Versuchsaufbauten können insbesondere bremsgeometrische Geräte durch den sogenannten Bounce-Effekt Messwerte liefern, die ihre tatsächliche Kompensationswirkung nur eingeschränkt widerspiegeln. Darüber hinaus beeinflussen zahlreiche Faktoren das Zusammenspiel von Seilschaft und Bremsassistent – beispielsweise der Seildurchmesser, die Seilreibung und der Seilverlauf in der Route.
Für Kletternde und Trainer:innen bedeutet das: Selbst wenn für ein Gerät ein Kompensationswert angegeben wird, lässt sich dieser nicht ohne Weiteres auf jede Seilschaft und jede Klettersituation übertragen.
Um dennoch eine erste Orientierung zu ermöglichen, haben wir bei climBe eine Vergleichstabelle entwickelt. Sie basiert auf unseren praktischen Erfahrungen mit unterschiedlichen Bremsassistenten und bezieht sich auf die Verwendung eines Seils mit 9,8 Millimetern Durchmesser.
Dabei betrachten wir zwei Eigenschaften:
1. Gewichtskompensation: Wie stark unterstützt das Gerät die sichernde Person?
Der Kompensationswert beschreibt, wie stark ein Bremsassistent den Gewichtsunterschied innerhalb einer Seilschaft rechnerisch ausgleichen kann. Er hilft einzuschätzen, ob ein Gerät grundsätzlich geeignet sein könnte, die verbleibende Gewichtsdifferenz in unseren angestrebten Zielkorridor zu bringen.
2. Anprallgefahr: Wie anspruchsvoll ist dynamisches Sichern mit dem Gerät?
Neben der Gewichtskompensation berücksichtigen wir eine zweite Eigenschaft: Wie stark kann ein Gerät bei unzureichend dynamischem Sichern einen harten Fangstoß begünstigen?
Denn nicht alle Bremsassistenten verhalten sich beim Sturz gleich. Manche Geräte lassen mehr Bewegung im Sicherungssystem zu, andere erzeugen eine stärkere Bremswirkung. Insbesondere bei Letzteren kann es anspruchsvoller sein, einen Sturz weich abzufangen.
Mit unserem zweiten Vergleichswert, den wir als „Anprallgefahr“ bezeichnen, möchten wir deshalb eine zusätzliche Orientierung geben: Er beschreibt, wie kritisch das Geräteverhalten im Hinblick auf einen harten Fangstoß sein kann, wenn die sichernde Person nicht ausreichend dynamisch sichert.
Dieser Wert ist keine statistisch ermittelte Unfallwahrscheinlichkeit. Er ist eine qualitative Einschätzung auf Grundlage unserer Trainingserfahrungen. Er sagt auch nicht aus, dass ein Gerät grundsätzlich unsicher wäre. Vielmehr macht er deutlich, dass unterschiedliche Bremsassistenten unterschiedliche Anforderungen an die Sicherungskompetenz stellen.
Beide Werte gehören für uns zusammen. Denn ein Gerät kann den Gewichtsunterschied sehr gut kompensieren und gleichzeitig hohe Anforderungen an das dynamische Sichern stellen.
Bei den angegebenen Anwendungsbereichen ist unser Zielkorridor von 0 bis 5 kg verbleibender Gewichtsdifferenz bereits berücksichtigt. Die Vergleichstabelle macht deutlich: Die Auswahl eines passenden Bremsassistenten ist nur ein Teil der Lösung. Denn selbst wenn ein Gerät die Gewichtsdifferenz optimal kompensiert, hängt die Sicherheit beim Stürzen wesentlich vom Verhalten der sichernden Person ab.
Gerade bei stark wirkenden Bremsassistenten kann es anspruchsvoller sein, einen Sturz weich abzufangen. Die gute Nachricht: Dynamisches Sichern lässt sich lernen und trainieren.
Ein Bremsassistent kann die Bremswirkung erhöhen. Wie weich oder hart ein Sturz tatsächlich abgefangen wird, hängt jedoch wesentlich vom Sicherungsverhalten ab.
Gerade bei stark wirkenden Bremsassistenten verändert sich die Dynamik des gesamten Sicherungssystems. Die sichernde Person wird beim Sturz möglicherweise weniger stark nach oben gezogen. Um trotzdem weich zu sichern, muss sie ihre Bewegungen entsprechend anpassen.
Dass sich auch mit stark wirkenden Bremsassistenten dynamisch sichern lässt, erleben wir bei climBe seit vielen Jahren in der Praxis.
In unseren Sturz- und Sicherungstrainings beschäftigen wir uns intensiv mit unterschiedlichen Methoden des weichen Sicherns. Wir arbeiten mit verschiedenen Gewichtskonstellationen und Bremsassistenten und untersuchen gemeinsam mit den Teilnehmenden, wie sich das Sicherungsverhalten auf den Fangstoß auswirkt.
Unsere Erfahrung zeigt: Entscheidend ist nicht allein, welches Gerät verwendet wird. Genauso wichtig ist, dass die sichernde Person versteht, wie ihr Sicherungssystem reagiert, und ihr Verhalten darauf abstimmen kann.
Dabei gibt es keine Technik, die für jede Seilschaft und jede Situation gleichermaßen funktioniert. Das Zusammenspiel aus Gewichtsunterschied, Bremsassistent, Seilreibung und Sturzsituation verlangt unterschiedliche Reaktionen.
Deshalb gehört für uns zum sicheren Einsatz von Bremsassistenten immer auch das Training des dynamischen Sicherns. Besonders bei hoher Bremswirkung reicht es nicht, sich auf das Gerät zu verlassen. Die nötigen Bewegungsabläufe müssen verstanden und unter fachkundiger Anleitung geübt werden.
Wie lässt sich dieses Wissen in den Kletteralltag übertragen?
Unsere Idee ist ein GU-Check, der Seilschaften durch vier aufeinander aufbauende Schritte begleitet.
Schritt 1: Gewichtsunterschied im Team-Setup prüfen
Am Anfang steht die Frage, wie groß der Gewichtsunterschied zwischen den Kletterpartner:innen tatsächlich ist. Dafür sollten beide ihr aktuelles Gewicht kennen und offen ansprechen. Das schafft die Grundlage für die weiteren Entscheidungen.
Schritt 2: Bremsassistent auswählen
Bei einer relevanten Gewichtsdifferenz wird geprüft, ob zusätzliche Bremsunterstützung sinnvoll ist und welches Gerät zur Seilschaft passt.
Als Orientierung dient dabei unser vorgeschlagener Zielkorridor. Entscheidend ist, dass die Kompensation weder zu gering noch zu stark ausfällt.
Schritt 3: Partnercheck erweitern
Der Gewichtsunterschied und die gewählte Bremsunterstützung werden Teil des gemeinsamen Partnerchecks.
Neben den üblichen Punkten des Partnerchecks werden beispielsweise Seilverlauf, Geräteeinstellung beziehungsweise Gerätestufe und Besonderheiten der Route berücksichtigt.
Schritt 4: Sicherungskompetenz prüfen und trainieren
Auch mit einem passenden Bremsassistenten bleibt das Sicherungsverhalten entscheidend.
Deshalb sollten Seilschaften dynamisches Sichern regelmäßig üben, ihr Sicherungssystem kennenlernen und bei Bedarf professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen.
Unser Vorschlag: Ab einer Gewichtsdifferenz von mehr als fünf Kilogramm wird aktiv geprüft, welche zusätzliche Maßnahme sinnvoll ist.
Damit der GU-Check im Kletteralltag funktioniert, braucht es mehr als eine zusätzliche Frage beim Partnercheck. Unser Konzept basiert deshalb auf drei Säulen.
Gewichtsunterschiede beeinflussen das Sturzverhalten. Das sollte jeder Seilschaft bewusst sein.
Wir möchten dafür sensibilisieren, dass auch vermeintlich moderate Gewichtsunterschiede relevant sein können und beim gemeinsamen Klettern berücksichtigt werden sollten.
Die wachsende Auswahl an Bremsassistenten ist ein Gewinn für die Sicherheit. Gleichzeitig wird es schwieriger, die unterschiedlichen Geräte und ihre Kompensationswirkung einzuschätzen.
Deshalb möchten wir verständliche Orientierungshilfen entwickeln, die Seilschaften und Trainer:innen bei der Auswahl geeigneter Bremsassistenten unterstützen.
Die passende Bremsunterstützung allein reicht nicht aus.
Sowohl bei einer schwereren sichernden Person als auch beim Einsatz stark wirkender Bremsassistenten kann dynamisches Sichern besonders anspruchsvoll sein.
Hier möchten wir unsere langjährige Erfahrung aus den Sturz- und Sicherungstrainings einbringen und Methoden vermitteln, mit denen Seilschaften ihre Sicherungskompetenz gezielt weiterentwickeln können.
Unser Konzept richtet sich deshalb an drei Zielgruppen: Kletterhallen, die Bremsassistenten bereitstellen und Orientierung geben, Trainer:innen, die dieses Wissen in ihren Kursen vermitteln, und Kletternde, die die Geräte im Alltag sicher anwenden möchten.
Mit dem GU-Check möchten wir keine zusätzlichen Hürden beim Klettern schaffen. Im Gegenteil: Wir wollen komplexe Zusammenhänge so aufbereiten, dass Seilschaften leichter gute Entscheidungen treffen können.
Dazu gehören verständliche Orientierungshilfen für die Geräteauswahl, ein erweiterter Partnercheck und gezielte Ausbildungsangebote für dynamisches Sichern bei Gewichtsunterschieden.
Denn letztlich geht es um eine einfache Frage:
Passt unser Sicherungssystem wirklich zu uns als Seilschaft?
Genau diese Frage soll der GU-Check künftig selbstverständlich machen.
Leni vereint bei climBe ihre Leidenschaften fürs Klettern und Yoga mit ihrem beruflichen Hintergrund in Kommunikation und systemischem Coaching. Als ehemalige Journalistin bleibt sie neugierig und geht Themen gerne tief auf den Grund. Ihre Schwerpunkte bei climBe: Mentaltrainings, individuelle Coachings und weiches Sichern mit und ohne Gewichtsunterschieden.
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