Schon in der Schule lernen wir, uns an Zahlen zu orientieren. Noten entscheiden darüber, ob wir „gut“ oder „schlecht“ sind. Eine 1 fühlt sich nach Erfolg an. Eine 4 nach Mangel. Zahlen strukturieren unseren Selbstwert, oft ohne dass wir es bewusst merken. Wir gewöhnen uns daran, Leistung messbar zu machen. Kein Wunder also, dass wir dieses Denken mit in unser Erwachsenenleben nehmen. Und auch mit an die Wand.
In unserer Kletterwelt haben sich Gradzahlen zu einer Art Maßstab entwickelt. Es ist fast so, als wären sie Zeugnisse unserer Leistung, Ausdruck unserer Identität. Je höher der Grad, desto größer der Stolz, desto stärker das Gefühl, „etwas erreicht zu haben“.
Doch allzu oft vergessen wir dabei, warum wir überhaupt angefangen haben zu klettern und was genau uns daran so viel Freude bereitet.
Die meisten von uns betreiben das Klettern als Hobby. Wir wollen unsere Freizeit draußen oder in der Halle verbringen. Wir wollen Freude spüren, Leichtigkeit erleben, in Bewegung sein und abschalten. Und doch verwandelt sich genau das oft in Leistungsdruck, Stress und das Gefühl, permanent beobachtet und bewertet zu werden.
Vielleicht kennst du auch das Gefühl, dass du dir bei Routen, die gerade noch in deinem Onsight-Niveau liegen, besonders viel Druck machst. Die muss ich beim ersten Go durchsteigen.“ „Hier darf ich nicht scheitern.“ Und plötzlich geht es nicht mehr um Bewegung, nicht mehr um Neugier, sondern nur noch darum, ein Bild von dir selbst aufrechtzuerhalten.
Das Traurige daran: Wenn wir den Grad zu unserer Identität machen, uns über ihn definieren und vielleicht sogar mit anderen vergleichen, werden wir zwangsläufig einen Teil der Freude verlieren. Denn Zahlen sind starr, unsere Kletterei hingegen ist lebendig.
Wir können den Klettersport auch anders verstehen. Als einen zutiefst individuellen Prozess. Es geht nicht darum, immer höhere Grade zu erreichen. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu verschieben. Und diese Grenzen lassen sich nicht durch eine bestimmte Zahl benennen.
Zu ihnen gehören Willenskraft, Fokus, Ängste, Emotionen, Körpergefühl, Technik, Vertrauen. So viele kleine Rädchen, an denen wir drehen können und die am Ende darüber entscheiden, wie frei, wie leicht und wie erfüllt wir uns beim Klettern fühlen.
Wenn sich Coachees mit den unterschiedlichsten Anliegen an uns wenden, ist der Schwierigkeitsgrad, den sie klettern, meist das Erste, was sie nennen. Natürlich hilft uns das bei einer groben Einordnung. Doch noch nie habe ich erlebt, dass zwei Personen, die „bis in den oberen siebten Grad souverän klettern“, gleich klettern.
Dieser Sport ist so facettenreich. Manche bringen enorme Kraft mit und ziehen sich scheinbar mühelos nach oben. Andere trägt ihr starker Wille durch die Crux. Wieder andere lösen jede Sequenz technisch präzise und effizient. Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit. Und jede*r hat andere Stellschrauben, an denen er oder sie drehen kann, um sich sicherer, leichter oder kraftvoller zu fühlen.
Der Lernprozess ist nie derselbe. Auch unsere Vorlieben unterscheiden sich. Viele von uns wagen sich eher dann in einen höheren Schwierigkeitsgrad, wenn die Route „uns liegt“. Wenn sie unserem Stil entspricht. Dann fühlt es sich gut an zu sagen: „Ich klettere jetzt diesen Grad.“
Doch die spannendste Entwicklung passiert dort, wo wir unsere Komfortzone verlassen. Wo wir Bewegungen ausprobieren, die sich ungewohnt anfühlen. Wo wir Schwächen nicht umgehen, sondern genau hinschauen und ihnen eine Daseinsberechtigung geben. Diese Entwicklung lässt sich nicht an der Zahl messen, die am Einstieg steht. Aber wenn wir ehrlich nach innen schauen, spüren wir sehr deutlich, was sich verändert.
„Vergiss den Grad!” Diesen Satz haben wir alle schon gehört. Aber wie soll das gehen, wenn die Zahl in der Halle so präsent ist? Einfach wegsehen ist keine echte Lösung.
Aus „Den Grad musst du onsight schaffen“ kann ein „Mal sehen, wie sich diese Route heute für mich anfühlt“ werden. Aus „Der Grad ist schwer für mich“ wird „Ich bin neugierig, was ich hier lernen kann.“
Das klingt vielleicht klein? Doch genau hier beginnt echte Freiheit im Kopf. Wenn wir uns erlauben, Erfahrungen zu sammeln, statt Beweise zu liefern.
Klettern darf fordern. Es darf anstrengend sein. Es darf auch ehrgeizig sein. Stolz auf eine Leistung zu empfinden, ist nichts Negatives. Aber dieser Stolz darf aus dem Prozess entstehen: aus deinem Mut, dich einer Herausforderung zu stellen, aus deinem Dranbleiben und aus deinem inneren Wachstum. Genau dort beginnt das Klettern, das uns langfristig trägt.
Leni vereint bei climBe ihre Leidenschaften fürs Klettern und Yoga mit ihrem beruflichen Hintergrund in Kommunikation und systemischem Coaching. Als ehemalige Journalistin bleibt sie neugierig und geht Themen gerne tief auf den Grund. Ihre Schwerpunkte bei climBe: Mentaltraining und weiches Sichern bei großen Gewichtsunterschieden.
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