Die Hände greifen immer fester zu. Die Atmung wird flach. Plötzlich scheint der nächste Zug, der vom Boden aus noch gut machbar aussah, unerreichbar. Statt verschiedener Bewegungsmöglichkeiten gibt es nur noch einen Gedanken: „Ich schaffe das nicht.“
Viele Kletter:innen kennen solche Situationen. Obwohl sie wissen, dass sie gesichert sind, reagiert ihr Körper, als befänden sie sich in unmittelbarer Gefahr. Das ist kein persönliches Versagen und auch kein Zeichen mangelnder Willenskraft. Es ist zunächst eine sinnvolle Schutzreaktion unseres Gehirns.
Beim Klettern kann diese Reaktion allerdings zum Problem werden. Denn je stärker die Angst wird, desto schwerer fällt es uns, Bewegungen bewusst zu planen, vorhandene Tritte wahrzunehmen und eine gute Entscheidung zu treffen. Umso wichtiger ist es, die eigene Angst nicht einfach wegdrücken zu wollen, sondern zu verstehen, was in diesem Moment im Gehirn und im Körper passiert.
Das Wichtigste in Kürze:
Angst beim Klettern ist zunächst eine natürliche Schutzreaktion. Die Amygdala ist als Teil eines größeren Netzwerks an der schnellen Bewertung möglicher Gefahren beteiligt.
Steigt die Anspannung stark an, können sich Atmung, Muskelspannung und Aufmerksamkeit verändern. Überlegtes Handeln und flexible Entscheidungen werden dadurch schwieriger.
Vier Schritte helfen, wieder handlungsfähig zu werden: erste Anzeichen wahrnehmen, in einer stabilen Position innehalten, Körper und Gedanken regulieren und anschließend bewusst entscheiden.
Mentale Strategien funktionieren an der Wand nur im Zusammenspiel mit guter Klettertechnik und Taktik. Dazu gehören sichere Rastpositionen, eine sinnvolle Krafteinteilung und das frühzeitige Erkennen schwieriger Passagen.
Die Methoden klingen einfach, müssen aber regelmäßig und schrittweise geübt werden. Ein individuelles Klettercoaching kann dabei helfen, passende Strategien zu entwickeln und sie in kontrollierten Situationen anzuwenden.
Das Ziel ist nicht, keine Angst mehr zu haben. Es geht darum, trotz der Angst wieder bewusst entscheiden zu können.
Unser Gehirn überprüft fortlaufend, ob eine Situation sicher oder bedrohlich ist. Dabei spielen verschiedene miteinander vernetzte Hirnregionen eine Rolle. Eine davon ist die Amygdala. Sie ist an der schnellen Bewertung emotional bedeutsamer Reize beteiligt und kann Schutzreaktionen anstoßen.
Vereinfacht erklärt, werden eintreffende Sinnesinformationen parallel verarbeitet. Ein Teil der Verarbeitung ermöglicht eine schnelle, zunächst noch grobe Einschätzung: Könnte hier Gefahr bestehen? Gleichzeitig wird die Situation in weiteren Hirnregionen genauer eingeordnet. Dabei fließen beispielsweise Erfahrungen, Erinnerungen, der aktuelle Kontext und unsere Ziele ein.
Diese schnelle Reaktion hat einen guten Grund. Wenn tatsächlich Gefahr droht, wäre es ungünstig, zunächst alle verfügbaren Informationen ausführlich zu analysieren. Das Schutzsystem bereitet den Körper deshalb vorsorglich auf eine Reaktion vor. Die Amygdala arbeitet dabei jedoch nicht allein und ist auch nicht der Ort, „an dem die Angst sitzt“. Sie ist Teil eines größeren Netzwerks, zu dem unter anderem präfrontale Bereiche, der Hippocampus, die Insula und verschiedene Strukturen im Hirnstamm gehören. (Quelle: LeDoux: Emotion circuits in the brain.)
Bewertet das Gehirn eine Situation als bedrohlich, verändert sich auch der Zustand des Körpers. Das autonome Nervensystem erhöht die Handlungsbereitschaft. Herzschlag und Atmung können schneller werden, die Muskulatur spannt sich an und die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf die mögliche Gefahr.
Je nach Situation und persönlichem Reaktionsmuster können unterschiedliche Schutzreaktionen auftreten. Manche Menschen möchten der Situation möglichst schnell entkommen. Andere erstarren und haben das Gefühl, weder vorwärts noch rückwärts zu können. Wieder andere reagieren mit hektischen oder besonders kraftvollen Bewegungen. In der Forschung werden diese Reaktionsmuster häufig als Teil einer sogenannten Abwehrkaskade beschrieben. (Vgl.: Kasia Kozlowska, Peter Walker, Loyola McLean, Pascal Carrive: Fear and the Defense Cascade: Clinical Implications and Management.)
Beim Klettern kann das zum Beispiel so aussehen:
Die Hände greifen stärker zu als nötig.
Die Arme und Schultern verspannen sich.
Die Atmung wird flach oder kurzzeitig angehalten.
Der Blick richtet sich fast ausschließlich auf einen schwierigen Griff oder die Tiefe.
Tritte und alternative Bewegungsmöglichkeiten werden weniger gut wahrgenommen.
Bewegungen werden hektisch oder können gar nicht mehr eingeleitet werden.
Der Gedanke „Ich kann das nicht“ überlagert alle anderen Informationen.
Diese Reaktionen laufen zu einem großen Teil automatisch ab. Genau deshalb reicht der Vorsatz „Ich habe jetzt einfach keine Angst“ meistens nicht aus.
Für überlegtes Planen, flexible Entscheidungen, die Steuerung der Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis sind unter anderem Bereiche des präfrontalen Kortex wichtig. Unter starkem Stress kann deren regulierende Funktion beeinträchtigt werden. Der präfrontale Kortex wird dabei nicht vollständig ausgeschaltet. Das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Hirnregionen verändert sich jedoch.
Eine Meta-Analyse zu den Auswirkungen akuten Stresses zeigt, dass insbesondere Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität beeinträchtigt werden können. Genau diese Fähigkeiten benötigen wir beim Klettern: Wir müssen verschiedene Bewegungsoptionen abwägen, eine nicht funktionierende Lösung verändern und gleichzeitig unsere Körperposition kontrollieren.
(Vgl.: Grant S. Shields, Matthew A. Sazma, Andrew P. Yonelinas: The effects of acute stress on core executive functions: A meta-analysis and comparison with cortisol.)
Was als Schutzreaktion gedacht ist, kann an der Wand deshalb hinderlich werden. Die Aufmerksamkeit verengt sich. Der Blick bleibt möglicherweise am weit entfernten Griff hängen, während ein guter Tritt direkt daneben übersehen wird. Durch das starke Zugreifen steigt der Kraftverbrauch. Die zunehmende Ermüdung wird wiederum als weiteres Gefahrensignal wahrgenommen. So kann ein Kreislauf entstehen:
Angst führt zu mehr Körperspannung und höherem Kraftverbrauch. Die Bewegungen werden unsicherer, die Unterarme werden müde und das Gefühl von Kontrollverlust wächst. Dadurch nimmt die Angst weiter zu.
Untersuchungen im Klettersport zeigen, dass Angst nicht nur subjektiv wahrgenommen wird, sondern mit messbaren körperlichen Veränderungen einhergeht. In einer neueren Studie aus dem Jahr 2025 waren Angst und Herzfrequenz beim Vorstieg höher als beim Topropeklettern. Aufgrund des Studiendesigns lässt sich daraus keine allgemeingültige Ursache ableiten. Die Ergebnisse verdeutlichen aber, wie eng Sicherungsform, wahrgenommenes Risiko und körperliche Aktivierung zusammenhängen können.
Bei Frauen kann sich auch der Zyklus auf das Angstempfinden auswirken. Lest hierzu bei Interesse den Blogbeitrag Zyklus und Angst beim Klettern.
Das Ziel ist nicht, die Angst innerhalb weniger Sekunden vollständig verschwinden zu lassen. Es geht darum, die automatische Reaktion frühzeitig zu bemerken und wieder genügend Handlungsspielraum für eine bewusste Entscheidung zu schaffen.
1. Wahrnehmen
Der erste Schritt besteht darin, die eigenen Anzeichen von Angst zu erkennen. Das können eine flache Atmung, starkes Zugreifen, hochgezogene Schultern, Zittern, hektische Bewegungen oder ein beginnender Tunnelblick sein. Auch typische Gedanken gehören dazu: „Ich schaffe das nicht“, „Ich muss hier sofort weg“ oder „Ich darf auf keinen Fall fallen“.
Diese Warnzeichen unterscheiden sich von Person zu Person. Manche Kletter:innen nehmen die Angst zuerst im Körper wahr, andere bemerken zunächst einen bestimmten Gedanken oder eine Veränderung ihres Bewegungsverhaltens.
Je früher Du Deine persönlichen Anzeichen erkennst, desto größer ist die Chance, bewusst zu reagieren, bevor die Angst sehr stark wird. Das Benennen eines Gefühls kann dabei bereits ein erster Regulationsschritt sein. Studien zur Emotionsverarbeitung deuten darauf hin, dass das bewusste Benennen negativer Emotionen die emotionale Reaktivität beeinflussen kann. Die direkte Übertragung dieser Laborbefunde auf das Klettern ist zwar nicht abschließend untersucht, sie bietet aber eine plausible Grundlage für den Satz: „Ich bemerke gerade Angst.“ (Vgl.: Matthew D. Lieberman, Naomi I. Eisenberger, Molly J. Crockett, Sabrina M. Tom, Jennifer H. Pfeifer, Baldwin M. Way: Putting feelings into words: affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli.)
2. Innehalten
Wenn Du die ersten Anzeichen wahrnimmst, suche Dir nach Möglichkeit eine stabile Rastposition. Achte vor allem darauf, möglichst viel Gewicht an die Füße abzugeben und prüfe, ob Du in dieser Position ruhig stehen kannst.
Dieser Schritt zeigt besonders deutlich, warum mentale Strategien allein nicht ausreichen. Um in einer angespannten Situation innehalten zu können, brauchst Du eine gewisse klettertechnische Grundlage. Du musst Tritte belasten, Deinen Körperschwerpunkt günstig positionieren und mögliche Rastpositionen erkennen können.
Wer ausschließlich versucht, sich mental zu beruhigen, während die Arme maximal belastet sind und die Position immer anstrengender wird, arbeitet gegen einen zunehmenden körperlichen Stressor. Eine gute Rastposition ist deshalb nicht nur eine taktische oder technische Lösung. Sie schafft gleichzeitig die Voraussetzung dafür, das eigene Nervensystem zu regulieren.
3. Regulieren
In der stabilen Position kannst Du die automatische Reaktion bewusst unterbrechen. Eine hilfreiche Reihenfolge ist:
Stopp – Benennen – Atmen – Ausrichten
Stopp: Unterbrich den Autopiloten. Das bedeutet nicht, dass Du den Angstgedanken gewaltsam wegdrücken musst. Es geht darum, nicht unmittelbar auf ihn zu reagieren.
Benennen: Formuliere innerlich: „Ich bemerke gerade Angst.“ Damit machst Du aus einem überwältigenden Gefühl eine wahrnehmbare Information.
Atmen: Atme ruhig ein und etwas länger aus. Wiederhole dies einige Male, ohne den Atem zu erzwingen. Langsames Atmen kann die Regulation des autonomen Nervensystems unterstützen.
Ausrichten: Lenke Deine Aufmerksamkeit gezielt zurück auf die konkrete Situation. Spüre Deine Füße. Überprüfe Deine Körperposition. Suche den nächsten Tritt oder Griff und konzentriere Dich auf einen machbaren Schritt.
Ein hilfreicher Gedanke kann sein:
„Ich muss gerade nicht die ganze Route lösen, nur den nächsten sicheren Schritt.“
Damit wird aus der scheinbar unkontrollierbaren Gesamtsituation wieder eine konkrete Aufgabe.
4. Bewusst entscheiden
Ist die Anspannung etwas gesunken? Kannst Du Deine Position und die nächsten Bewegungsmöglichkeiten wieder klarer einschätzen? Dann kannst Du Dich bewusst für den nächsten kleinen Schritt entscheiden.
Wenn die Angst weiterhin sehr stark ist, kannst Du jederzeit ein Stück abklettern und „Zu!“ sagen. Auch das ist eine souveräne Entscheidung.
Handlungsfähig zu sein bedeutet nicht, um jeden Preis weiterzuklettern. Es bedeutet, zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen zu können. Weiterklettern, abklettern, eine Pause einlegen oder sich ins Seil setzen zu lassen können je nach Situation gleichermaßen sinnvolle Entscheidungen sein.
Auf dem Papier klingt der Ablauf einfach: Angst wahrnehmen, innehalten, atmen, neu ausrichten und entscheiden. In der konkreten Klettersituation treffen jedoch mehrere Anforderungen gleichzeitig aufeinander.
Du musst Deine körperlichen Warnzeichen bemerken, obwohl Deine Aufmerksamkeit bereits eingeschränkt ist. Du brauchst ausreichend technische Sicherheit, um eine Rastposition einzunehmen. Du musst Deine Atmung regulieren, während Dein Körper arbeitet. Gleichzeitig sollst Du die Route lesen, Deine Kräfte einteilen und eine sinnvolle Entscheidung treffen.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht dadurch, dass man sie einmal verstanden hat. Sie müssen unter kontrollierten Bedingungen geübt und schrittweise in anspruchsvollere Situationen übertragen werden.
Der Umgang mit Angst wird häufig als rein mentales Thema betrachtet. Beim Klettern greifen jedoch drei Bereiche unmittelbar ineinander:
Technik hilft Dir, ökonomischer zu klettern, Gewicht an die Füße abzugeben und auch in anspruchsvolleren Situationen stabile Positionen zu finden.
Taktik hilft Dir, die Route vorzubereiten, mögliche Rastpunkte zu erkennen, Deine Kräfte einzuteilen und vorab zu überlegen, an welchen Stellen Unsicherheit entstehen könnte.
Mentale Fähigkeiten helfen Dir, körperliche und gedankliche Warnzeichen wahrzunehmen, Deine Aufmerksamkeit neu auszurichten und unter Anspannung eine bewusste Entscheidung zu treffen.
Fehlt ein Bereich, werden auch die anderen schwieriger. Ohne geeignete Technik findest Du möglicherweise keine Position, in der Du Dich regulieren kannst. Ohne Taktik überrascht Dich die Schlüsselstelle und die Angst steigt schneller. Ohne mentale Strategien kannst Du vorhandene technische und taktische Fähigkeiten unter Stress möglicherweise nicht mehr zuverlässig abrufen.
Angst beim Klettern ist sehr individuell. Manche Kletter:innen fürchten vor allem das Fallen. Andere erleben Unsicherheit bei großer Höhe, beim Vorstieg, beim Clippen oder bei dynamischen Bewegungen. Auch die ersten körperlichen Warnzeichen und die persönlichen Gedankenmuster unterscheiden sich.
In einem individuellen Coaching können genau diese Zusammenhänge beobachtet werden. Gemeinsam lässt sich herausfinden:
Woran erkennst Du, dass Deine Anspannung steigt?
In welchen Situationen beginnt die Angst?
Wie verändert sich dadurch Deine Bewegung?
Welche technischen Fähigkeiten geben Dir mehr Sicherheit?
Welche taktische Vorbereitung entlastet Dich?
Welche Form der Atem- und Aufmerksamkeitssteuerung funktioniert für Dich?
Wie kann die Herausforderung schrittweise gesteigert werden, ohne Dich zu überfordern?
Entscheidend ist, die Methoden nicht erst in einer Situation auszuprobieren, in der die Angst bereits maximal ist. Zunächst werden sie unter gut kontrollierbaren Bedingungen eingeübt. Anschließend kann die Herausforderung schrittweise angepasst werden. Auf diese Weise entstehen neue Erfahrungen: Die Angst darf da sein – und trotzdem kannst Du wahrnehmen, entscheiden und handeln.
Angst erfüllt eine wichtige Schutzfunktion. Das Ziel eines Klettercoachings kann deshalb nicht sein, sie vollständig abzuschalten. Vielmehr geht es darum, zwischen einer hilfreichen Warnung und einer übermäßig starken Schutzreaktion unterscheiden zu lernen.
Wenn Du die ersten Anzeichen kennst, über technische und taktische Handlungsmöglichkeiten verfügst und Deine Regulation regelmäßig trainierst, musst Du der Angst nicht mehr automatisch folgen.
Es geht nicht darum, keine Angst mehr zu haben. Es geht darum, trotz der Angst wieder bewusst entscheiden zu können.
Hinweis: Mental- und Klettercoaching kann den Umgang mit sportbezogener Angst unterstützen, ersetzt aber keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei sehr starker, anhaltender oder auch außerhalb des Kletterns auftretender Angst kann professionelle therapeutische Unterstützung sinnvoll sein.
Leni vereint bei climBe ihre Leidenschaften fürs Klettern und Yoga mit ihrem beruflichen Hintergrund in Kommunikation und systemischem Coaching. Als ehemalige Journalistin bleibt sie neugierig und geht Themen gerne tief auf den Grund. Ihre Schwerpunkte bei climBe: Mentaltraining und weiches Sichern bei großen Gewichtsunterschieden.
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