Vielleicht kennst Du das: Du triffst Dich mit einem bestimmten Kletterpartner oder einer bestimmten Kletterpartnerin und schon nach den ersten Routen spürst Du eine unglaubliche Motivation. Plötzlich hast Du Lust, schwere Projekte anzugehen, lange offene Baustellen endlich abzuhaken oder etwas Neues auszuprobieren. Du verlässt Deine Komfortzone, weil es sich irgendwie leicht anfühlt.
Mit anderen Menschen kann das ganz anders sein. Vielleicht steckt Dich ihre Gelassenheit an. Der Klettertag wird gemütlich, die Ambitionen werden kleiner und irgendwann schleicht sich der Gedanke ein: Warum sollte ich mich heute eigentlich so anstrengen?
Natürlich sind das nur zwei Beispiele. Doch sie zeigen etwas Spannendes: Die Menschen, mit denen wir klettern, beeinflussen uns oft stärker, als uns bewusst ist.
Wenn wir über Seilschaften sprechen, denken die meisten zunächst an Vertrauen. Zu Recht. Schließlich verlassen wir uns beim Klettern darauf, dass unser Gegenüber aufmerksam sichert und Verantwortung übernimmt.
Doch die Wirkung einer Seilschaft geht oft weit darüber hinaus.
Unsere Kletterpartner:innen können beeinflussen, wie motiviert wir sind, wie viel wir uns zutrauen, wie sicher wir uns fühlen oder wie groß der Druck ist, den wir uns selbst machen. Sie können uns antreiben, inspirieren und stärken. Sie können aber auch – meist ganz unabsichtlich – Zweifel, Vergleiche oder Leistungsdruck verstärken.
Selbst wenn Du zu den Menschen gehörst, die eine sehr hohe intrinsische Motivation mitbringen, hast Du vermutlich schon erlebt, wie sehr die Energie, Einstellung oder Stimmung anderer Menschen auf Dich abfärben kann.
Die mentale Kraft einer Seilschaft wird deshalb oft unterschätzt. Dabei entscheidet sie nicht selten darüber, wie wir einen Klettertag erleben und manchmal sogar darüber, welche Ziele wir uns überhaupt zutrauen.
Wir klettern nicht im luftleeren Raum.
Wir bringen unsere Stimmung mit, unseren Stress aus dem Alltag, unsere Ängste, unsere Ziele und unsere Erwartungen. Gleichzeitig verbringen wir beim Klettern oft viele Stunden mit denselben Menschen.
Kein Wunder also, dass sich deren Verhalten auf uns auswirkt.
Manche Kletterpartner strahlen Ruhe aus. Bei ihnen fühlen wir uns sicher und entspannt.
Andere sind unglaublich motiviert. Ihre Begeisterung steckt an und hilft uns, die eigene Komfortzone zu verlassen.
Wieder andere sind sehr leistungsorientiert. Das kann inspirierend sein. Es kann aber auch Druck erzeugen – selbst dann, wenn diese Person gar nicht die Absicht hat, uns unter Druck zu setzen.
Viele Kletter:innen suchen bewusst nach stärkeren Seilpartner.
Das kann unglaublich hilfreich sein.
Wir lernen neue Bewegungen kennen. Wir sehen Lösungswege, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Wir erleben, was möglich ist.
Doch dieselbe Situation kann sich an einem anderen Tag ganz anders anfühlen.
Vielleicht bist Du müde. Vielleicht beschäftigt Dich etwas außerhalb der Kletterhalle. Vielleicht möchtest Du heute einfach nur Spaß haben.
Dann kann dieselbe starke Person plötzlich dazu führen, dass Du Dich vergleichst. Dass Du das Gefühl hast, nicht gut genug zu sein. Dass Du Erwartungen an Dich selbst entwickelst, die eigentlich gar nicht Deine sind.
Nicht weil Dein Gegenüber etwas falsch macht.
Sondern weil Menschen soziale Wesen sind.
Vielleicht kennst Du auch das Gegenteil.
Du triffst Dich mit einer Person, die sich ehrlich über jeden Deiner Fortschritte freut. Die aufmerksam zuhört. Die weder bewertet noch ungefragt analysiert.
Plötzlich gelingt etwas, woran Du schon lange gearbeitet hast.
Natürlich liegt das nicht ausschließlich an dieser Person.
Aber sie hat möglicherweise einen Rahmen geschaffen, in dem Du Dich wohlfühlst. Einen Rahmen, in dem Du mutig sein kannst.
Und genau darin liegt oft die unterschätzte Stärke einer guten Seilschaft.
Nicht nur im Halten des Seils.
Sondern auch im Halten von Raum für Entwicklung.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht nur: „Wer ist mein Kletterpartner?“ Sondern auch: „Wie wirke ich auf andere?“
Vielleicht motivierst Du Menschen mehr, als Du glaubst.
Vielleicht setzt Du andere unbeabsichtigt unter Druck, weil Du ständig über Grade, Projekte oder Leistung sprichst.
Vielleicht gibst Du Sicherheit.
Vielleicht erzeugst Du Leichtigkeit.
Wir alle beeinflussen die Menschen, mit denen wir klettern.
Die Frage ist nur, ob wir uns dessen bewusst sind.
1. Beobachte Deine Seilschaften
Mit welchen Menschen gehst Du besonders gerne klettern?
Wer motiviert Dich?
Bei wem fühlst Du Dich sicher?
Und bei wem spürst Du vielleicht Druck oder Stress, auch wenn diese Person es gar nicht böse meint?
Allein diese Beobachtung kann wertvolle Erkenntnisse liefern.
2. Frag Dich, was Du heute eigentlich brauchst
Nicht jeder Klettertag muss gleich aussehen.
Manchmal wollen wir an unsere Grenzen gehen.
Manchmal wollen wir Stürze trainieren.
Manchmal wollen wir einfach nur mit netten Menschen ein paar entspannte Routen klettern.
Je klarer Du Deine eigenen Bedürfnisse kennst, desto besser kannst Du einordnen, warum sich bestimmte Seilschaften an manchen Tagen gut und an anderen Tagen weniger gut anfühlen.
3. Sprich darüber
Wenn Du mit jemandem besonders gerne kletterst: Sag es dieser Person.
Vielleicht ist ihr gar nicht bewusst, wie positiv sie auf Dich wirkt.
Und wenn Du Dich häufig unter Druck gesetzt fühlst, kann ein ehrliches Gespräch helfen.
Gerade bei neuen Seilpartner lohnt es sich oft, vor dem Klettern kurz über Erwartungen zu sprechen.
Möchtest Du heute projektieren?
Willst Du Stürze trainieren?
Oder einfach einen entspannten Klettertag verbringen?
Solche Gespräche verhindern Missverständnisse und schaffen Verständnis füreinander.
4. Nicht jede Seilschaft muss alles können
Vielleicht gibt es nicht die eine perfekte Seilschaft.
Vielleicht gibt es Menschen, mit denen Du hervorragend an Deiner Leistung arbeiten kannst.
Andere geben Dir Sicherheit.
Wieder andere sorgen dafür, dass Du den Spaß am Klettern nie verlierst.
Auch das ist vollkommen in Ordnung!
Vertrauen bleibt das Fundament jeder Seilschaft.
Doch die mentale Wirkung unserer Kletterpartner geht oft weit darüber hinaus.
Sie können uns motivieren, bremsen, inspirieren, verunsichern, stärken oder entspannen.
Je bewusster wir diese Dynamik wahrnehmen, desto besser können wir unsere Klettererlebnisse gestalten.
Und vielleicht lohnt es sich beim nächsten Klettertag nicht nur zu fragen:
„Was möchte ich heute klettern?“
Sondern auch:
„Mit wem möchte ich heute klettern?“
Leni vereint bei climBe ihre Leidenschaften fürs Klettern und Yoga mit ihrem beruflichen Hintergrund in Kommunikation und systemischem Coaching. Als ehemalige Journalistin bleibt sie neugierig und geht Themen gerne tief auf den Grund. Ihre Schwerpunkte bei climBe: Mentaltraining und weiches Sichern bei großen Gewichtsunterschieden.
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